„Stefan, du bist ein Staatsfeind!“

Stefan Lauter über DDR-Jugendwerkhöfe (2018)

Ein beeindruckendes, aber auch bedrückendes Stück Zeitgeschichte erlebten Schülerinnen und Schüler der 10. und 11. Jahrgangsstufe, als Herr Stefan Lauter über seine Erfahrungen mit einer ganz speziellen Einrichtung des Erziehungssystems der ehemaligen DDR berichtete …

Der Mann, der den Raum betritt, sieht nicht aus wie ein normaler Referent. Er trägt Militärstiefel, Combat-Hosen, einen camouflageähnlichen Sweater und hat einen kahlrasierten Schädel. Und doch – er wird sich heute vor uns stellen und von seiner Jugend, die ihm in Umerziehungsanstalten der DDR genommen wurde, erzählen. Bevor Stefan Lauter beginnt, von seiner bedrückenden Geschichte zu berichten, zeigt er uns zwei Filmsequenzen, die sein Schicksal und das vieler regimekritischer Jugendlicher in der Deutschen „Demokratischen“ Republik portraitieren. Später wird er sagen, er mache sowohl die Mitwirkung an beiden Filmen als auch die Aufklärungsarbeit an Schulen wie unserer, um dem Vergessen entgegen zu wirken, aber vor allem, um die Deutungshoheit des Geschehenen nicht den Tätern zu überlassen. Was darauf folgt, ist ein Bericht, der einen an der Menschheit zweifeln lässt. In den sogenannten Jugendwerkhöfen werden Kinder und Jugendliche im Alter von drei bis achtzehn Jahren zusammengepfercht, gequält, erniedrigt und missbraucht. Alles für ein Ziel: sie zu perfekten Staatsbürgern umzuformen. Für Stephan Lauter, aufgewachsen in einem extrem regimetreuen Haus, beginnt alles im Alter von 15 Jahren, als er sich in das falsche Mädchen „verguckt“. Über sie gelangt er an Nachrichten aus dem Westen und beginnt, im Unterricht kritische Fragen zu stellen. Er fühlt sich hintergangen, da ihm bewusst wird, dass er von Staat und Elternhaus manipuliert und bewusst im Unklaren gelassen wird. Als er schließlich seinen Lieblingslehrer im Unterricht fragt, ob er ihm sagen könne, welcher Atomsprengkopf denn die „Friedenstaube“ sei, der russische oder der amerikanische, brüllt dieser ihn mit den Worten: „Stefan du bist ein Staatsfeind“ an. Von da an machen ihm Staat, Schule und Eltern das Leben zur Hölle. Er landet in einem „Jugendwerkhof“. Da sie ihn aber auch dort nicht umerziehen können wird er nach einigen Strafen, wie beispielsweise Isolationshaft in einen geschlossenen Jugendwerkhof nach Torgau gebracht. Hier ist das einzige Ziel, die Insassen zu brechen. Zu diesem Zweck werden militärischer Drill, Dauerläufe bei Minustemperaturen im zweistelligen Bereich, Essensentzug, stundenlanges Stehen, mehrtägige Isolationshaft in fensterlosen Räumen, ohne tagsüber sitzen zu dürfen, und einige weitere Foltermethoden praktiziert. Stefan Lauter, der schon zuvor an Knieproblemen litt, ist infolge dieser Methoden heute schwerstbehindert, arbeitsunfähig und musste sich bereits mehreren Operationen unterziehen. Einige seiner früheren Mitinsassen versuchten durch Selbstverletzung über die Krankenstation aus Torgau zu entkommen. Ein Mithäftling brach nach einem gescheiterten Fluchtversuch zusammen und zündete seine Zelle an, mit der Absicht sich selbst zu verbrennen. Die Wärter hätten trotz der gut hörbaren Schreie einen Rettungsversuch unterlassen. Doch auch in dieser Anstalt, die von Margot Honecker persönlich geplant und in Auftrag gegeben worden war, konnte man ihn nicht brechen. So musste man ihn im Alter von 18 Jahren aufgrund seiner Volljährigkeit mit nicht einmal 50 Kilo bei einer Körpergröße von 1,85m und ohne Ausbildung entlassen. In seiner Akte stand, dass „Das Erziehungsziel nicht erreicht“, er also nicht gebrochen worden sei, worauf er noch heute stolz ist. Nach dem Zerfall der DDR studierte er und bemühte sich ein normales Leben zu führen. Einige Wärter aus Torgau arbeiteten auch nach Auflösung der DDR weiter im pädagogischen Bereich. Einer von ihnen ist dort immer noch tätig.

Felix Lauber, Jonas Lauber